Ästhetik des Mitleids
Datum: 12.02.2011 | Autor: Elke | Kategorien: Texte | Keine Kommentare »Ulrich Greiner (>> Die Zeit) würdigt in einem längeren Beitrag Heinrich Böll, den es als Schriftsteller des Mitleids wieder zu lesen gälte. Er verweist dabei auch auf die “Notizhefte” von Hennig Ritter, der eine überraschende Tagebuchnotiz von Ernst Jünger aufgreift. Dieser bezeichnet 1945 “die ergreifende Schilderung der Armut” als Aufgabe des Schriftstellers. Ritter bemerkt dazu: “Dass dies kein Thema mehr ist, sagt mehr über den Zustand der Kultur als manches andere. Das 19. Jahrhundert hat ergreifende Schilderungen der Armut hervorgebracht, bei den Russen oder bei Balzac, Zola oder Dickens. Das hing mit dem Glauben an die Macht der Literatur zusammen, der heute erloschen ist. Das große Beispiel für diese Macht der Literatur war Onkel Toms Hütte, nicht große Literatur, aber Literatur der großen Wirkung. Die Literatur hat sich vom Mitleid emanzipiert, deswegen kennt sie die Gegenstände nicht mehr, die sich nur durchs Mitleid erkennen lassen. Die Literatur, die wirken will, will nicht mehr den Umweg über das Mitleid gehen, sie will nicht rühren, sondern Taten sehen. Dadurch macht sie sich zum Instrument der Täter.”
Ein radikaler Gedanke, der die Frage nach den Wirkungsästhetiken der Literatur noch einmal neu stellt.
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