Tatort “Jagdzeit”: Der Schulranzen als Bildungspaket

Datum: 11.04.2011 | Autor: Elke | Kategorien: Texte | 2 Kommentare »

Der gestrige Tatort „Jagdzeit“ schlug sehr sozialkritische Töne an. Im Mittelpunkt des Geschehens steht die dreizehnjährige Nessi, die von ihren Mitschülern gemobbt und erpresst wird, die nebenbei den Hartz IV-Lebens-unterhalt mit einem Pflegedienst an einer dementen Frau aufstockt, während ihre von Ängsten gelähmte und alkoholabhängige Mutter völlig überfordert in der Wohnung vor sich hinvegetiert.

Hartz IV-Welt

Dabei findet eine Hartz IV-Welt ihre Inszenierung, die sich schon zu einem eigenen Zeichenkosmos verdichtet hat. Nessi ist gerade rundlich genug, um das Themenfeld „Dicke Kinder der Unterschicht“ zu verkörpern, ohne es allerdings allzu aufdringlich zu markieren. Essen besorgt man sich unter anderem in einer der vielen Tafeln. Geldknappheit ist chronisch, das Zeichen ist hier der rosarote Kinderschulranzen, den die Jugendliche Nessi noch tragen muss. Er ist längst zu klein und Anlass für Hänseleien der anderen Jugendlichen.

Der Schulranzen als Bildungspaket

Im Schulranzen ist ein schönes Symbol für das Thema „Bildungsaufstieg“ gefunden, das der Tatort in Nessis zaghaftem Wunsch, eigentlich Ärztin werden zu wollen, abhandelt. In der nachfolgenden Sendung Anne Will fragte Moderatorin Anne Will denn auch als Erstes, ob Nessi diesen Wunsch wohl würde realisieren können. Die Meinungen gingen naturgemäß auseinander. Was sagt der Tatort in seinen Bildern zu diesem Thema? Trägt die Protagonistin symbolisch ein Bildungspaket auf dem Rücken oder eher ein soziales Stigma? Offenkundig ist der Ranzen zu klein und symbolisch zeigt er, das Nessi nicht über angemessene Bildungsmittel verfügt. Als sie einen schicken neuen Ranzen geschenkt bekommt, wird er ihr nicht nur gleich geklaut, Nessi selbst hätte ihn wohl verkauft, da er 100 Euro gebracht hätte.

Die Flasche als Halt

Statt eines schönen Ranzens auf dem Rücken, mit dem der Bildungsaufstieg sein Symbol finden könnte, hat Nessi aber dauernd etwas anders in der Hand: Sie trinkt häufig aus einer dieser überdimensionierten, quietschbunten Limoflaschen. Die trinkende Mutter findet nur an der Flasche einen Halt, die auf sich selbst gestellte Tochter ebenso: Beide ähneln sich in ihrer Bedürftigkeit. Nessi nennt sich selbst einmal „Hartzer“. Dass sich dieser Begriff schon als (Selbst)Bezeichung einer Gruppe von Menschen etabliert hat, zeigt mehr als die Zuordnung zu einer sozialen Schicht: „Hartzer“ scheinen eine eigene Welt zu bevölkern, als deren Bewohner sie eine Identität ausbilden, die sich in einem traurigen Zeichenfeld verortet: zu viele Flaschen, allgegenwärtige Tafeln, vergebliche Bildungspakete.

2 Comments on “Tatort “Jagdzeit”: Der Schulranzen als Bildungspaket”

  1. 1 Nikola kommentierte 13:55 on April 11th, 2011:

    Ich hab neulich in der U-Bahn gegenüber einem sehr jungen Vater gesessen, der auch nicht gerade wohlhabend aussah, dessen Tochter, circa sieben Jahre alt, an irgendeinem Saftmixgetränk nuckelte. Als der Strohhalm nicht so richtig passte und immer wieder Saft aus dem Karton lief, half ihr der Vater. Alles ganz normal. Die Tochter fragte: “Wann kaufst du mir mal Rotbäckchensaft?” Völlig hilflos sah der Vater zu mir, dieses Wort hatte er noch nie gehört. Und als ich sagte: “Das ist ein Beerensaft aus dem Reformhaus oder Bioladen”, schaute er mich überfordert an. Eine andere Welt, die seine Tochter bereits kannte. Wir brauchen gute Bildung für alle Schichten, dann sind die Safttüten egal!

  2. 2 Elke kommentierte 17:10 on April 11th, 2011:

    Liebe Nikola,

    ja, die Safttüten sind egal. Mich haben sie auch “nur” als Zeichen interessiert. Danke Dir für diesen schönen empirischen Beleg!
    Herzlich: Elke


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